Auszüge

1.1. Regiekonzept, Inszenierungsstil und Klinsmann-Effekt: "Die Schule ist kein Spaßbad!"

Grundsätzlich gilt mein dramaturgisches Credo unverändert: die ergebnisorientierte Pädagogik der Anstrengung und des Erfolges und die Dialektik von Freiheit und Unterwerfung. Daran ändern auch einige bitterböse Kommentare, Briefe oder E-mails als Reaktionen auf mein Buch nichts. Im Gegenteil. Denn entweder entstammten sie jugendlicher Blauäugigkeit (so im Falle von Referendaren: "Und was machen sie mit den Unbegabten?") oder gekränkter Eitelkeit. Was zählt, sind aber nur die sicht-, hör-, riech- und erlebbaren Ergebnisse auf der Bühne.

Diese aber können nur wirklich gelingen und sind bedenkenlos vorzeigbar, wenn nicht nur die künstlerische Konzeption und Gestaltung überzeugen, sondern auch das Ensemble geschlossen bereit und ausreichend belastbar ist, um nach der anfänglichen Euphorie am Start über die Klippen der Besetzung durch die Wüste trockener Probenarbeit und das Tal der Tränen schließlich den Gipfel einer gelungenen Aufführungssession zu erreichen. "Die Schule ist kein Spaßbad" (so der Titel eines aufschlußreichen Artikels von Bernhard Bueb in der FAZ vom 24.02.2005). Das (Schul)Theater ist dies noch viel weniger. Mit Bueb postuliere ich erneut und weiterhin auch und gerade für die Theaterarbeit mit Jugendlichen den Primat der Unterwerfung unter selbstgestellte und freiwillig akzeptierte Regeln. "Disziplin, Verzicht, Arbeitsethos und die Fähigkeit zu rationaler Lebensführung sind in unserer Kultur die Voraussetzungen für die Erfahrungen von Glück und Freiheit. Denn es ist in unserer abendländischen Kultur so, daß Glück besonders befreiend erlebt wird, wenn es einer Anstrengung folgt." (ibid.) Der Weg ist eben nicht das Ziel und wer Publikumsmassen zu Begeisterungsstürmen über eine Schulaufführung von Faust I hinreißen will, tut gut daran, sich und allen Beteiligten rechtzeitig zu verdeutlichen, welche entbehrungsreiche Zeit vor ihnen liegt. Es darf zu Beginn jeder Theaterreise kein Mißverständnis über den Charakter der Fahrt und die Rollenverteilung geben: "Le théâtre, c'est un bateau, et un acteur n'est pas un passager sur ce bateau. Il fait partie de l'équipage. Les passagers, ce sont les spectateurs!" Natürlich funktioniert dies nur, das lehrt ganz banal die Jahrtausende alte Geschichte der Pädagogik, über das persönliche Beispiel des/der Spielleiter/s: "Sich selber nicht erlauben, was man dem anderen nicht zugestehen will, von anderen nichts fordern, was man nicht selber zu leisten bereit ist." (I.Kant). Haben wir endlich den Mut, uns offen zu einer "Kultur der Anstrengung" zu bekennen. Dann darf man allen mit Recht die zu erwartende Belohnung in Form von Glücksmomenten ("indescriptibles et inoubliables" ) versprechen, wie sie Schule sonst in der Regel nicht zu liefern vermag. "Das Glück, das einer schöpferischen Anstrengung folgt, ist von größerer Dauer, als das passiv erlebte Glück, es hinterläßt klein schales Gefühl, wenn es endet, es findet Anerkennung bei den Mitmenschen, erregt also weniger Neid, und es ist wiederholbar, ohne sich abzunutzen." (Bueb, ibid.) Gerade die Erinnerungen von Ehemaligen bestätigen dies immer wieder nach Jahren und Jahrzehnten. Man muß also wahrlich nicht den plumpen Hinweis auf den Mißbrauch dieser Prinzipien und Methoden in der NS-Vergangenheit fürchten.

Das Ziel emanzipatorischer Persönlichkeitsbildung ist in der Theaterarbeit so evident und erhaben, wie die Methoden hart sind.: "Die Akzeptanz von Disziplin in einer Bildungseinrichtung ist darum oft ein Gradmesser für die Exzellenz ihrer Adepten." (Bueb, ibid.)

Eindrucksvoll und prominent bestätigt fühle ich mich in dieser Grundhaltung durch das Tanzprojekt, das Sir Simon Rattle und der englische Choreograph Royston Maldoom 2002 mit den Berliner Philharmonikern und 250 Berliner Kindern und Jugendlichen aus allen sozialen Schichten und vielen Nationen zu Strawinskys "Le sacre du printemps" realisiert haben. Sie berichten exakt von den selben Schwierigkeiten, Widerständen und Hürden wie den unabdingbaren Voraussetzungen zur Entdeckung des eigenen Potentials und der Besteigung des Olymps: Disziplin und Vertrauen, Engagement und Leidensfähigkeit, Begeisterung und Selbstverzicht. Ohne das gibt es keine Gipfeleuphorie! Dieser seit Sommer 2006 als "Klinsmann-Effekt" wahrgenommene Ansatz ist weder sadistisch noch masochistisch: er lebt von der Dialektik von Disziplin und Euphorie, Bescheidenheit und (Über)Mut, "Gras-fressen-wollen" und Höhenflug. Nur so wird ein lahmer Esel zum Schmetterling. Einfach wunderbar!

Daß diese Grundüberzeugung aber auch in einem Regie-Duo zu verwirklichen ist (siehe Inszenierungsbericht zu Faust I, 2003) habe ich mittlerweile mehrfach erfahren (so auch in Walser meets Pirandello, 2005 und der doppelten Antigone 2006). Wenn ein Projekt den Spielleiter an seine kreativen, seelischen, psychischen und physischen Grenzen führt, tut er gut daran, den Synergieeffekten gemeinsamer Arbeit zu vertrauen. Die unvermeidlichen Reibungsverluste ("Warum tu ich mir das an?") werden durch unschätzbare Vorteile aufgewogen, wenn die gemeinsame (künstlerische und pädagogische) Grundkonzeption trägt und Kompetenzabsprachen und Arbeitsteilung funktionieren. Dann erkennen die zu führenden Ensembles auch trotz individueller Präferenzen für einen der beiden Spielleiter den spezifischen Mehrwert, d.h. den komplementären Charakter gemeinsamer Führung. Die Art der Arbeitsteilung wird dabei sicher unterschiedlich ausfallen, z.B. durch den Schwerpunkt eines Spielleiters in der sprachlichen Profilierung der Mitspieler neben der stärker auf die spielerische Ausbildung ausgerichteten Akzentuierung des anderen. Jeder darf zu Beginn gemeinsamer Regiearbeit auch einfach drauflos phantasieren. "Es darf keine Denkverbote geben!" beteuert mein Co immer wieder. Stimmt. Aber jedes Wolkenkuckucksheim bedarf ebenso sehr der praktischen Korrektur hinsichtlich seiner Realisierbarkeit. Dafür braucht man in der Regel einen nüchternen Partner. Früher war das immer meine Frau, aber leider erst nach der Premiere.

Was zählt, ist letztlich nur das (möglichst überdurchschnittliche) Gesamtergebnis. Dann kann man getrost auch den Applaus teilen!

Ein Wort noch zu meinen Vorbildern. Natürlich sind es bezüglich des Schultheaters nicht Pädagogen, sondern Regisseure im Sinne echter Spielleiter. Es wird nicht überraschen, daß meine ganz persönliche Trias der Romania entstammt, auch wenn Sie Welten in Theorie und Praxis der Theaterarbeit trennen:

  • Maurice Béjard, der Altmeister des europäischen Tanztheaters, dessen getanzte Bilder (v.a. 1789 et nous) mich gelehrt haben, daß Theatergeschichten immer und zuerst Bilderbüchern entspringen müssen.
  • Jérôme Savary, der wunderbare Schaumschläger des Grand Magic Circus meiner frühen Berufsjahre, der Scharen von mehr oder wenigen echten Jungfrauen aus den Reihen meiner Schülerinnen um den Kölner Dom herum einem teuflisch echt gespielten Hunnenkönig in die Arme trieb und mir zeigte, daß Theater keine niedlichen Guckkastenbühnen braucht. Seine über 200 Inszenierungen sprengen sprichwörtlich jeden Rahmen.
  • Ariane Mnouchkine, die große Dame der Pariser Cartoucherie, die mit ihrem Théâtre du Soleil seit 40 Jahren nicht nur dramaturgische Maßstäbe gesetzt hat (auch wenn ich ihren Regiestil der création collective nicht wirklich teile), sondern die mir immer wieder imponiert, wenn sie jeden Abend am Eingang ihres wunderbaren Theaters im Bois de Vincennes die Zuschauer begrüßt, eigenhändig die Karten abreißt und sich bis zum Schlußapplaus um "jeden Scheiß" selber kümmert. Sie hat mir gezeigt, was Respekt vor dem Zuschauer und Theater als Gesamtkunstwerk schon vor der Eingangstür bedeutet.